Last.Call.


Es ist sehr spät. Die letzten Gäste können sich noch nicht ‘loseisen’ vom Bier, die Service-Mädels werden ungeduldig. Die Nacht nimmt die Farben, die ohnehin schon fehlen. Olivgrün in einer Umgebung aus Sandstein, dunklem Backstein und grauem Granit – da passt das geflügelte Wort: Nachts sind alle Katzen grau. Aber keine Sorge, hier ist das Grau auch tagsüber allmächtig, fast depressiv. Wer wohl die Farben vorgegeben hat? Immerhin steht ganz links ein rötlicher Schirm – neben den erleuchteten Fenstern das Highlight der Szene. Nicht einmal die Strassenlaterne spendet ein warmes Licht, sondern kommt mit einem pathologisch-giftigen Grünstich daher.

Sommer sieht eigentlich anders aus.


© 2019 by Jens G.R. Benthien

Marktplatz Bremen kurz vor Mitternacht im Sommer 2014


2015-02-20


Unikate.


Fotografie ist ein singuläres Ereignis. Sie erfasst einen nicht reproduzierbaren Moment (Einzige Ausnahme: Aufnahme eines statischen Objekts in einer kontrollierten Umgebung mit exakt reproduzierbarem Licht wie z.B. einem Fotostudio).

Traditionelle, filmbasierte Fotografie resultiert in originalen Unikaten, die in der Emulsion auf der Trägerschicht des Mediums Film zum Zeitpunkt der Aufnahme mit den für die Aufnahme ausgewählten Parametern festgelegt wurden (Sichtbares und tangibles Produkt).

Digitale Fotografie (Imaging/Bildgebendes Verfahren) resultiert in Bildern ohne Ursprung, die elektronisch interpretiert werden müssen, um sichtbar zu werden. Die zwingend erforderliche Interpretation durch überwiegend unbekannte Algorithmen resultiert in vielen möglichen Ergebnissen, die den Variablen der jeweils eingesetzten Technik unterliegen. Das Original kann nicht exakt definiert werden (Black Box Effekt).

Diese Definitionen interessieren einen Auftraggeber herzlich wenig. Er will ein Foto, ein Resultat, das seiner Zielsetzung entspricht. Dabei lässt er sich – logischerweise – von dem Zeitgeist und Zeitgeschmack leiten, der momentan vorherrscht. Mit dem Einzug der Digitalfotografie und der elektronischen Nachbearbeitung wurden die Bilder intensiviert, d.h. die Farben gesättigter herausgearbeitet, als es bisher möglich war. Der Eindruck der modernen Bilderwelt driftet immer weiter von dem natürlichen Augeneindruck weg zu einer farbintensiven, hochglanzpolierten Wahrnehmung.

Damit wird die Diskrepanz zwischen dem dargestellten Bild im Druck oder auf dem elektronischen Display immer grösser. Es fehlt die Authentizität. An dem virtuellen Bild wird solange retuschiert und manipuliert, bis es vollkommen fehlerfrei und ‘glatt’ ist und mit dem natürlichen Eindruck vor Ort kaum noch Gemeinsamkeiten hat.

Hinzu kommen die Limitierungen der bildgebenden Verfahren im Standardbereich. Es sind starre Systeme, die kaum Spielraum in der Gestaltung bezüglich der Ebenen, der Schärfenbereiche (Scheimpflug) oder der optischen Abbildung lassen, es sei denn, man setzt extrem teure Systeme ein, die wirtschaftlich nicht tragbar sind, weil der Auftraggeber nicht bereit ist, die Flexibilität entsprechend zu honorieren.

Daher arbeite ich nach wie vor mit filmbasierter Fotografie für überzeugende Ergebnisse und um Geschichten zum Betrachter zu transportieren (Storytelling).


© 2019 by Jens G.R. Benthien

Centro Comercial ALH Granada • 2009


Das Objektiv verzeichnet nicht – die Zwischendecken haben eine leichte Wellenform und sind zum Innenhof hin asymmetrisch.

2015-02-20


Exot.


Eine X/Y-Kamera. X/Y, weil sich das Objektiv auf der Frontplatte vertikal und horizontal verstellen lässt. Ideal für beengte Szenen in Städten, für Gebäude oder für die Weitläufigkeit in der Landschaftsfotografie. Ein Traum von Präzisionsmechanik ‘Made in Germany’, vorgestellt im Dezember 1981, gebaut bis Ende 1984.


© 2019 by Jens G.R. Benthien

Plaubel 69W ProShift • 2014


Perfekt, um Träume einzufangen:


© 2019 by Jens G.R. Benthien

Cerro Gordo • Andalucía • 2008


2015-02-20


Etelsen.


Weites Land. Kalter Wind. Wenig Sonne. Ein kleiner Ort am Horizont, kaum Höhen oder Tiefen. Ein Funkturm, eine alte Windmühle, eine Kirchturmspitze am Horizont. Und – sehr selten für Norddeutschland – ein Schloss auf einem seichten Hügel. Ohne See, aber mit Weitsicht: über das weite Land. Als Kinder sagten wir immer: Die sehen schon drei Wochen vorher, wenn Tante Erna im Anmarsch ist.


© 2019 by Jens G.R. Benthien

Januar/Februar 2015 in Etelsen


Warum sind die Ecken so dunkel? Nein, das ist nicht das, was fälschlicher Weise unter ‘Vignettierung’ verstanden wird, das wäre eine mechanische Abschattung des Objektivs. Der Effekt tritt schlicht und ergreifend auf, wenn der Bildwinkel von der Mittelachse nach aussen mehr als ~40° beträgt, was bei diesem Objektiv der Fall ist. Hinzu kommt die vertikale Verschiebung sowie der Sonnenstand in Relation zum Bildfeld. Ein Center Filter würde nicht viel ändern. Im Nahbereich fällt der Effekt nicht so stark ins Gewicht. Übrigens lag die Temperatur bei 0° C, bei einer Windgeschwindigkeit von 20 km/h. Eine schneidende Kälte, die den Kopf frei macht.

2015-02-19


Anbau.


Anbauten sind immer eine spannende Geschichte. Dieser hier ist gelungen. Alt und Neu im Kontrast und gleichzeitig in der Ergänzung, die unterschiedlichen Ebenen fallen kaum auf, weil es zwei Aufgänge gibt und ein Teil eine schräg zur Front verlaufende Ausrichtung erhalten hat.


© 2019 by Jens G.R. Benthien

Villa Schütte Bremen im letzten Abendlicht • 2015


Aussenaufnahmen mache ich grundsätzlich mit Grossformat und Colornegativfilm, weil die Objektive nicht verzeichnen, keine chromatischen Aberrationen produzieren und der Film extreme Kontraste mit spielerischer Leichtigkeit sauber abbildet. Innenaufnahmen würde ich auch gern mit GF machen, aber die Zeit reicht nicht dafür, denn dort ist Masse in kurzer Zeit gefragt.

2015-02-18


Alters.Nachweis.


Die Mode überholt sich selbst. Was heute der neueste Schrei ist, ist morgen veraltet. Wie bei den meisten Fotos. Wenn ein Datum zu sehen ist, ist das Foto irgendwann ‘alt’ – spätestens im nächsten Jahr. Aber damit wird es zu einem Dokument der Zeitgeschichte, das eine Zuordnung und einen Vergleich zwischen Gestern und Heute erlaubt. Ob es den Laden überhaupt noch gibt? Ich muss mal wieder hin und nachsehen.


© 2019 by Jens G.R. Benthien

Brautmodengeschäft in Spanien • 2006


Das Foto hatte ich 2006 gemacht, als bereits die Brautmode für das nächste Jahr beworben wurde. Ich finde das sehr schräg...

2015-02-18


Spiegel.Kabinett.


Parkhaus einmal anders. Mit Spiegeln, die unterschiedlich ausgerichtet sind. So wird mehr als nur das Gegenüber sichtbar, fast wie ein etwas durcheinander gewürfeltes Puzzle der Umgebung. Der Abendhimmel bringt den Blauton hinein.


© 2019 by Jens G.R. Benthien

Parkhaus in der Überseestadt


2015-02-18


Sommernachtsfluss.


Kurz nach der Sommersonnenwende. Es ist fast Mitternacht. Ein paar Menschen stehen noch am Anleger, bevor sie in alle Richtungen auseinandergehen. Ein Angler auf dem Ponton hofft auf den grossen Fang. Ein paar Lichter in den Wohnungen, die Büros sind seelenlos. Wo früher mal dezent das Jacobs Kaffee Logo war, schreit jetzt der Kunstname Mondeléz pink-violett in die Nacht, und der Wesertower spielt mit seinem leuchtenden, blauen Rahmen. Die Lichter der Anleger brennen die ganze Nacht, der Rest liegt im gnadenlosen Schatten. Es wird Zeit, die Sachen zu packen, bevor der nautische Sonnenaufgang beginnt.


© 2019 by Jens G.R. Benthien

Von der Weserbrücke Richtung Norden


2015-02-18


Kaffeehaus.


Die beste Zeit des Tages liegt hinter ihm. Die Menschen, das Leben und Treiben, die Gespräche, Träume und Nachrichten des Tages. Am Abend ist alles weg. Nur die Gedanken hängen noch verblasst nach.


© 2019 by Jens G.R. Benthien

Marktplatz Bremen • Fuji GW 690 III • Sekonic • Stativ


2015-02-18


Pausenplausch.


Eine kleine Pause mit einem Plausch auf eine Zigarettenlänge in der Dämmerung. Ob heute Abend noch viele Gäste kommen werden? Was machst Du nach Feierabend? Schau mal, der Fotograf dort hinten. Den habe ich schon öfter hier gesehen… Ist das hier was Besonderes? Ich glaube, das Gebäude ist was Historisches.

Aber das Licht und die Farben hat niemand gesehen, weil es tägliche Routine ist, kaum mehr wahrgenommen.


© 2019 by Jens G.R. Benthien

Schnoor Bremen • Fuji GW 690 III • Sekonic • Stativ


2015-02-17


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