Sommer.Spass.


Sommer, Sonne, blauer Himmel, grüne Büsche, leichter Wind, Wasser, Wellen, Strand. Nein, nicht die Karibik, sondern Krautsand. Huh? Noch nie gehört?

Krautsand liegt ziemlich weit oben im Norden, an der Elbe. Es ist eine der vielen Elbinseln, mit dem grossen Unterschied zu den anderen, dass man hier ohne Schiff oder Boot hinkommt, denn die Insel ist über zwei Brücken mit dem Festland verbunden. Die eine ist aus Beton und so klein, dass man sie nicht wahrnimmt, wenn man sie quert, die andere ist noch eine uralte Holzbrücke mitten im Nichts.

Die Chancen, dass Sie die alte Brücke zu sehen bekommen, sind gering, denn alle Wegweiser leiten Sie nach Drochtersen, auch die Navigationen, damit die alte Brücke nicht mehr belastet wird. Sie ist baufällig und soll irgendwann einmal erneuert werden. Der Streit über die Bauart — normale oder Zugbrücke — schwelt seit Jahren und dauert noch an. Wird es eine normale Brücke, kann man mit dem Boot nicht mehr zu den weiter südlich liegenden Häfen fahren.


Die Elbinsel mit zwei Zufahrten bei Drochtersen und Dornbusch


In Krautsand gibt es einen gewaltig hohen Deich, den Ort gleichen Namens, eine grössere Strasse, ein Hotel (extrem teuer), gefühlte 22 Millionen Ferienwohnungen, Natur, Schafe, und — richtig — Sand ohne Kraut. Einen wunderschönen, weichen, fast weissen 4 Kilometer langen Strand mit feinstem Sand, ein paar Büschen, Gräsern, einer Strandbar, Toiletten sowie einem Steg mit einem Ponton als Anleger. Das alles — man glaubt es als Küstengeschädigter und Kurtaxenzahler kaum — ohne Kurtaxe oder Strandnutzungsgebühren. Dass der Strand voll ist, kann ich nicht sagen. Rund 100 Menschen, die sich überwiegend im Bereich der Strandbar und der Brücke bewegen, garantieren viel Platz zum Ausruhen und Abschalten.

Oh, das habe ich fast vergessen: Man kann dort nicht einfach über die Autobahn hinfahren, man muss schon viel Zeit mitbringen, um über kleine Landstrassen durch das Kehdinger Land dorthin zu kommen. Autobahnen gibt es dort wahrscheinlich erst ab 2030, wenn die Küstenautobahn fertig sein wird. Ob Krautsand eine eigene Abfahrt bekommen wird? Eher nicht. Soll heissen: Krautsand wird wohl nie überlaufen sein, und das ist sehr gut.

Übrigens ist die Wasserqualität der Elbe sehr gut, wie die permanenten Wasserproben am Strand zeigen.


© 2019 by Jens G.R. Benthien

Auf dem Deich mit Blick nach Norden


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Ein paar Dünen noch...


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...dann ist das Ziel erreicht!


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Etwas weiter südlich am Strand die Brücke mit dem Ponton


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Strandbar, DLRG — der perfekte Strand für Familien und Kinder


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Immer wieder faszinierend: Der »weite« Himmel im Norden


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Der Blick nach Süden, elbaufwärts. In der Nacht hatte es noch geregnet.


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Bojen, Leucht- & Radarturm, Windkraftanlagen — typisch norddeutsch


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Direkt am Strand die Dünen mit Strandgräsern


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Schiffe gucken — dies ist noch ein kleines Exemplar


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Unbeschwert am langen Sandstrand laufen


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Das seichte Plätschern der Wellen geniessen


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Idyllischer geht es kaum


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Weites Land...


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Helmut (der alte Deichgraf) trotzt wieder Wind und Wetter


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Blick nach Süden über den rund 9 Meter hohen Elbdeich


Wenn Sie mehr zu Helmut dem Deichgrafen wissen wollen: Klick!


2019-10-03


Schwebe.Fähre.


Sie schwebt, die Fähre. Oder besser gesagt eine davon (es gibt noch ein paar andere). Die Rede ist von der Schwebefähre in Osten (bitte nicht wie Ost-West aussprechen, sondern wie Oosten, weil es aus dem Plattdeutschen stammt). Der Fluss, über den sie schwebt, heisst — logisch — Oste. Wie Ooste gesprochen.

Von Drochtersen nach Hemmoor kommt man erstmal am Neulandermoor vorbei, wo immer noch Torf gestochen wird.


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Torfgebiet


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Torfabbau in Neulandermoor


Das erste Mal kam ich auf meinem Weg nach Hemmoor zum Kreidesee daran vorbei, über die neue Brücke der B 495. Da sah ich, dass dort eine Schwebefähre über die Oste »flog«. Ganz ehrlich, ich wusste bis dahin nicht, dass es ausser in Rendsburg noch eine weitere Schwebefähre in Deutschland gibt. Also hatte ich am nächsten Ackerweg geparkt, bin mit der Kamera zurückgelaufen und KLICK.

An dem Tag kam ich aus Krautsand, wir hatten eine höhere Flut als normalerweise. Ganz schön hoch das Wasser, höher als das umgebende Land. Im Fall einer Sturmflut wird das Sperrwerk in Neuhaus an der Nordseeküste geschlossen und der Pegel steigt nicht so hoch an.


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Wieder einmal »weites Land«


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Die Schwebefähre


Gestern war ich ganz gezielt nochmal dort. Und was war? Die Schwebefähre hing mitten über der Oste, ca. 100 Personen darauf, die einen Gottesdienst abhielten. Perfekt für mich, denn dadurch hatte ich Zeit, ein paar mehr Aufnahmen zu machen.


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Sie hängt über der Oste...


Die Schwebefähren hatten und haben grosse Vorteile: Sie konnten Fahrzeuge, Waren und Personen bei jedem Wetter transportieren, bei Ebbe, bei Flut, bei Eisgang oder wenn der Fluss zugefroren war, Schiffe konnten passieren, ohne dass Brücken gedreht oder gekippt werden mussten… Das einzige Problem: Sie waren zu langsam.


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...der Gottesdienst wird abgehalten


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Eine eindrucksvolle Konstruktion, die mit einem kleinen 13 PS Motor betrieben wird


Wenn Sie mehr über die Schwebefähre in Osten wissen wollen: Click!

Übrigens ist der Ort Osten eine hübsche, kleine und verträumte Stadt zwischen Hemmoor und der Elbinsel Krautsand. Hinfahren und einfach mal durch die kleinen Strassen laufen lohnt sich wirklich.

Die letzte Aufnahme oben ist ein vertikales Panorama, weil ich nicht wusste, wie ich sonst die gesamte Konstruktion auf ein Foto bekommen sollte — ich konnte leider nicht weiter weg, und ein 20 mm Weitwinkel hätte auch nichts gebracht.


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Osten liegt an der Deutschen Fährstrasse


2019-10-04


Ab.Tauchen.


Nördlich von Hemmoor liegt der 75 Hektar grosse und rund 65 Meter tiefe Kreidesee malerisch in die Landschaft eingebettet. Er entstand aus einer ehemaligen Kalkgrube, die aufgegeben und später geflutet wurde.


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Kreidesee Hemmoor


Ich war vor zwei Monaten dort und habe die Ruhe genossen — Taucher machen keinen Lärm…


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Vor dem Tauchgang


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Der See ruft...


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Herrliches Farbenspiel im Wasser


Sein Wasser ist sehr klar und sauber, weil wegen des Kalkgehalts keine Pflanzen darin wachsen (mehr Informationen hier). Die Sichtweite unter Wasser liegt je nach Wetter bei bis zu 30 Meter.

Zum Baden ist er nicht freigegeben, weil er durch die Tiefe zu kalt und durch das steil abfallende Ufer zu gefährlich ist.


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Viel Spass!


Die letzten drei Aufnahmen habe ich mit einem Polfilter gemacht, der die Reflexe von der Wasseroberfläche auslöscht, damit man »in das Wasser hineinsehen« kann.


2019-10-04


Saison.Ende.


Eigentlich wollte ich ein paar Aufnahmen der Formationen der nach Süden ziehenden Kraniche machen. Seit ein paar Tagen fliegen sie wieder über unseren Ort hinweg, weil sie in der Nähe Zwischenstation für den Weiterflug nach Südfrankreich und Spanien machen, um sich die Bäuche voll zu fressen: Rund 300 Gramm Mais oder Getreide braucht jeder Vogel für die nächste Etappe.

Aber die Kraniche haben wohl noch die warmen Tage im Norden genossen — als ich auf der Niederung stand, kamen keine mehr. Nun gut, das Licht war so gelblich-herbstlich, da dachte ich, mach noch ein paar Aufnahmen, damit der Weg nicht ganz vergebens war.


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Eine Weide mit noch sehr grünem Laub direkt am Fluss


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Das Naturschutzgebiet vor meiner Tür


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Die Solitäre haben es mir angetan...


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Statt der Kraniche kamen Paddler die Wümme runter


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Ziemlich viel Freiraum hier


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Das Licht empfinde ich als etwas melancholisch


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Die Eichen tragen viele Früchte — ein Vorbote für einen kalten Winter?


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Ein Dalmatiner Leinkraut auf der Wiese, gehört zu den Orchideen und ist für Nutztiere giftig


Zuerst wollte ich die Fotos nicht veröffentlichen, weil mir die Farben nicht gefallen hatten. Dann habe ich sie nochmal mit RPP konvertiert und das Astia 100F Profil gewählt, da sah alles viel besser aus. Irgendwie hat der Nikon-Konverter mit bestimmten Farben Probleme. Es ist immer besser, zwei Werkzeuge im Koffer zu haben.

Die Frau in dem Paddelboot rief den anderen zu: "Vorsicht, da vorne fotografiert einer!" Das ist typisch deutsch in dieser Zeit, dass man als Fotograf grundsätzlich erst einmal kriminalisiert und wie ein Kinderschänder ausgegrenzt wird. Ich habe dann gerufen: "Schade, kein Polaroid, sonst würde ich Ihnen einen Button mit »Jetzt kaufen« hochhalten." Den Witz hat aber niemand von den bierernsten Typen verstanden. Finde den Fehler (sind schon so viele Menschen mit dem Gretavirus befallen?).


2019-10-06


Kamera.Profil.


Haben Sie für Ihre Digitalkamera schon ein Farbprofil? Böse Frage, ich weiss. Bei den Kamerherstellern, die ich kenne, kann man nirgendwo ein Farbprofil für ein bestimmtes Modell herunterladen. Ist ja auch logisch, denn die Hersteller wollen sich nicht in die Karten schauen lassen.

Sie liefern in den meisten Fällen mit einer Kamera einen RAW Konverter mit, der immer funktioniert und alles hat, was man braucht. Dort sind die Kameraprofile dann irgendwo im Code eingebaut. Aus genau diesem Grund sind alle RAW Konverter von Adobe und Konsorten mit »reversed engineering« Profilen ausgestattet, um dem Hersteller keine Lizenzgebühren zahlen zu müssen. Dazu kommen noch ein paar intransparente Algorithmen, und aus dem Konverter fallen knackige Farben (»the image must pop!«), der ohnehin schon blaue Himmel wird unglaubwürdig intensiviert. Mit Authentizität und Realität haben die Farben nichts mehr zu tun.

Diese Algorithmen sorgen dafür, dass Nikon ein anderes Blau oder Grün oder Violett als Canon oder Panasonic oder Sony oder sonst wer hat, zumal auch alle RAW Konverter anders arbeiten und gewichten.

Wer jetzt denkt, dass Adobe die »besten« Profile hat, irrt. Der Algorithmus bei PS und LR sorgt schon im Hintergrund dafür, dass die Kontraste erstmal um rund 25% angehoben werden, damit die Fotos knackig und trendgerecht aussehen. Dumm nur, dass 99,9% davon auf Glauben, aber nicht auf Wissen basieren. Was ein Glaube bewirken kann, sehen wir an der aktuellen Entwicklung der Kirchen oder des angeblichen Klimaschutzes.

Zurück zu den Farbprofilen. Für Filme gab und gibt es sogenannte »Targets«, die man mit mit einem Film X fotografiert und dann entweder in der Digitalisierungs-Software oder mit dem ArgyllCMS profiliert.

Weil das mit Digitalkameras viel einfacher geht (wieder so ein Glaube), haben diverse Hersteller Plastikkarten mit Farbquadraten drauf entwickelt, die man abfotografieren und dann in der Bildbearbeitungssoftware zu einem Profil verwursten kann. Oder man legt sie mit ins Bild oder lässt die Karten vom Model halten, macht eine Aufnahme und kann später den Weisspunkt oder eine der aufgedruckten Farben besser bestimmen (noch ein Glaube). Diese Karten kosten ab 99 Euro (Xrite ColorChecker) aufwärts.

Dabei sind die Kamerahersteller wirklich bemüht, saubere Profile zu liefern, ergo sind die 99 Euro nicht unbedingt erforderlich, wenn man keine Modeaufnahmen machen muss. Obwohl, später im Druck geht das auch wieder in die Grütze, aber das ist ein anderes Thema…

Auf diesen Plastikkarten sind 6x4 Farbfelder aufgedruckt. Anhand dieser 24 Farbtupfen sollte man ein Kameraprofil erstellen können (soweit die Software es zulässt). Weil das Geschäft bombig lief, wurde aus dem ColorChecker ein ColorChecker Passport, dann ein Classic, dann kam noch ein ColorChecker Video hinzu, ein Pro natürlich auch, und in diesem Jahr dann noch verschiedene Grössen sowie ein ColorChecker Digital SG. Das Geschäft mit der Angst bei den Amateuren brummt und lässt die Millionen nur so sprudeln.

Was kaum jemand weiss: Aus den Zeiten des Films gibt es immer noch (!) Targets, das bekannteste ist das IT 8.72 Target (Wolf Faust, coloraid.de). Warum? Weil sie sich hervorragend für das Profilieren von Kameras, Scanner oder Filmen eignen. Das sind korrekt ausbelichtete Tafeln im A4-Format, kaschiert auf eine dünne PVC-Platte (inzwischen sogar auf Aludibondplatten!), begleitet von diversen Profildateien, weil jede Karte nach der Produktion per Hand ausgemessen wird. Preislich liegen die bei 20% bis 30% des Preises der einfachsten Plastikkarte.


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Mein IT8.7/2 Target von Wolf Faust mit Gebrauchsspuren


Wenn Sie ein kalibriertes Display haben, sollten Sie in der Reihe A die Felder 13 bis 19 mit unterschiedlichen Farbtönen wahrnehmen können. Die Graufelder 1 bis 3 sowie 20 bis 22 sollten Sie ebenfalls klar differenzieren können.

Aber sie haben einen grossen Vorteil: Sie sind extrem präzise, denn immerhin kommen sie mit 22 x 12 Farben = 264 Farben plus 24 Graustufen = 288 Farben insgesamt daher. Je mehr »samples« ich in einem Prozess habe, desto präziser wird das Ergebnis — wenn man in der Schule oder Ausbildung aufgepasst hat.

Die letzten Tage hatte ich wieder so ein Erlebnis, bei dem mir der Konverter des Kamerherstellers wieder mal zu sehr eingegriffen hat. Also habe ich RPP (RawPhotoProcessor, nur für OS X) gestartet, in dem echte, ausgemessene Kameraprofile enthalten sind, der es aber auch erlaubt, eigene Farbprofile für die Kamera einzubinden. Also habe ich das Target aufgenommen und mit RoughProfiler (ebenfalls nur für OS X, in Spanisch und Englisch, basierend auf dem ArgyllCMS für Unix, Windows und OS X) in ein Kameraprofil umsetzen lassen. Das Profil habe ich dann in RPP eingebunden und meine RAW Dateien damit konvertiert. Der Unterschied zum Hersteller-Konverter ist beachtlich:


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Der Vergleich ist eindrucksvoll: Links RPP mit natürlichen Farben, rechts NX-D mit überzogenen Farben


Links die Konvertierung mit RPP und dem individuellen Kameraprofil, rechts die mit dem Nikon NX-D Konverter. Eindrucksvoll, wie viel mehr Farbnuancen ein guter Konverter mit einem guten Kameraprofil liefert, oder?

Sie werden jetzt fragen: Und warum macht das keiner? Antwort: Weil es einfacher ist, eine moderne Plastikkarte zu kaufen und sich dem Mainstream anzuschliessen. Selber denken, sich mit der Materie beschäftigen und dann machen dauert ja viel zu lange...

Spannend an den IT8.7/2 Targets ist der Einsatz über verschiedene Medien hinweg. Wenn ich damit arbeite, kann ich Fotos der Digitalkamera mit Dia- oder Negativfilm mischen, ohne dass es jemand merkt, weil die Farben und somit die Anmutung identisch sind.

Wenn wir uns alle an einen Standard halten würden, sähe die Welt besser aus.


2019-10-07


Natur.Technik.


Die Natur hat ein unbegrenztes Farbspektrum. Rein physikalisch würden mir Spezialisten widersprechen, weil es eben doch Grenzen gibt, aber für uns Menschen — und wahrscheinlich für die meisten Tiere — ist die Farbenpracht im wahrsten Sinne des Wortes umwerfend.

Will man diese Farben fotografisch umsetzen, kommt in vielen Fällen am Rechner die Meldung »Color out of Gamut« (»Farbe außerhalb des Farbraums«) hoch, d.h. die Farbe kann in technischen Prozessen wie dem Druck nicht mehr korrekt dargestellt werden.

Um möglichst präzise arbeiten zu können, wurde für die Druckindustrie ein sogenannter »Medienkeil« entwickelt, der in der Druckvorstufe auf einem Bogen platziert und dann gedruckt wird, um anschliessend die Farben mit einem Colorimeter (X-Rite, Datacolor) ausmessen zu können. Damit soll sichergestellt werden, dass die Farben so gedruckt werden, wie sie vom Kunden angeliefert (und gewünscht) wurden.

Einer der Medienkeile sieht so aus:


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Erweiterter Ugra/Fogra Medienkeil mit Graustufenkeil, Haarlinien und Siemensstern


Sicher kennen Sie die vielfältigen Angebote an Farbtafeln (z.B. Color Checker Passport für Digital für rund 100 Euro, IT 8.7 Target für Film/Scan für rund 40 Euro), die man mit einer Digitalkamera — möglichst im Normlicht mit 6.500° Kelvin — aufnimmt, um dann die Kamera profilieren zu können, damit die Farben auch mit anderen Lichtquellen im fertigen Foto 100% stimmen (Das war jetzt die Kurzform).


Colorchecker Passport


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IT 8.7/2 Target (Aufsichtsvorlage) von Coloraid


So weit, so gut. Oder schlecht.

Warum? Ganz einfach: wird das fertige Bild (im Druck, auf dem Display) bei Normlicht betrachtet, sieht alles wunderbar aus. Nur ohne Normlicht stimmen die Farben nicht mehr. Haben Sie zu Hause Normlicht? Eher nicht. Hat Ihre Galerie Normlicht in den Räumen? Eher nicht. Haben Sie beim Kunden Normlicht? Bei Freunden, Bekannten? Sie merken, wohin die Reise geht…

Im Prinzip macht eine Normierung, Kalibrierung oder Profilierung durchaus Sinn, um Prozessabläufe wenigstens in etwa zu synchronisieren und zu standardisieren, damit beispielsweise der türkise Pullover im Druck immer noch türkis ist — aber nur unter Normlicht. Schaut sich jemand den Katalog unter einer gedimmten Halogenlampe an, stimmt die Farbe nicht mehr, und der ganze Aufwand von der Aufnahme bis zum Druck war für die Tonne und hat viel Geld gekostet.

Nur ergibt es eben keinen Sinn mehr, wenn Druckertreiber (z.B. Canon) derart modifiziert werden, dass die Farben »knackiger«, die Farbsättigung höher, die Kontraste stärker werden und die Schärfe bereits Schmerzen verursacht, ohne dass Sie den Hauch einer Beeinflussung haben. Soweit zur Technik.

Jetzt werden Sie sagen: Aber es gibt doch nur die Möglichkeit, über einen gemeinsamen Standard zu Resultaten zu kommen. Es gibt doch keine Alternativen, oder?

Doch, gibt es. Recht preiswert sogar. Womit wir zur Natur kommen.

Gehen Sie zu einem Händler für Künstlerbedarf und suchen Sie nach Farbmustertafeln für Wasserfarben. Die meisten Hersteller lassen die Farbtabellen auf hochwertigem Papier drucken; das sind meistens Flyer, die Sie kostenlos mitnehmen dürfen.


Farbtafel von Daniel Smith Watercolors


Neben die Vorlage legen Sie ein Teflon- oder PTFE-Band (Gewindedichtband aus dem Sanitärbereich), das Ihnen einen 100% präzisen Weisspunkt garantiert (bitte nicht die weisse Spule, sondern das weisse Band!)


Teflonband aus dem Sanitärhandel


Davon machen Sie idealerweise bei Tageslicht eine Aufnahme (Belichtung mit Lichtmessung, d.h. mit einem Handbelichtungsmesser oder via Graukarte messen), ohne es nachzubearbeiten.

Dann lassen Sie das Bild möglichst auf gleichem oder ähnlichem Papier in gleicher Grösse wie die Vorlage drucken. Ein normaler Farbdrucker neben Ihrem Rechner ist dafür definitiv nicht geeignet. Sehen Original und Kopie identisch aus, können Sie sich freuen. Geringe Abweichungen sind für Ihre (Privat) Zwecke unerheblich.

Wenn Sie wollen, können Sie im zweiten Durchgang noch den Weisspunkt in dem Teflonband abgreifen und einen weiteren Druck anfertigen lassen, um zu sehen, inwieweit Ihre Kamera den Weisspunkt richtig erfasst. Die Abweichungen zwischen den Ausdrucken sollten marginal sein.

Alternativ lassen Sie von einem Bekannten eine Farbtabelle anfertigen. Der Rest der Prozedur ist wie eben geschildert.


Farbtafel eines Künstlers


Farbtafel eines Künstlers mit Linie Blau-Grün-Gelb-Rot-Violett


Drucken Sie diese beispielhaften Farbtabellen bitte nicht mit Ihrem Office Drucker aus, das geht in die Hose. Ausserdem sind sie viel zu klein.

Sind die Farben zu intensiv, zu blass oder gibt es ein paar Ausreisser, können Sie Anpassungen in der Bildbearbeitung vornehmen, die Sie sich am besten für später notieren, um eine Reproduzierbarkeit zu ermöglichen. Im Vergleich zu den professionellen »Targets« (ausser dem IT 8.7/2) sehen Sie bereits, dass die individuell erstellten Farbtafeln erheblich mehr Farbtöne aufweisen und Sie somit einfacher sehen können, in welchem Teil des Spektrums die Abweichungen ihrer Kamera oder Ihrer Prozesse liegen.

Passen die Farben überhaupt nicht, haben Sie ein Problem, nur wird das äusserst selten vorkommen, da alle Kameras recht genau kalibriert sind. Dann bleibt Ihnen nur der Weg, den Hersteller zu kontaktieren oder dem Händler Ihres Vertrauens auf die Füsse zu treten.

Im Idealfall konvertieren Sie ein RAW mit RPP (Raw Photo Processor), GIMP, Darktable oder Rawtherapee, weil das die einzigen Programme sind, die nicht bereits bei der Konvertierung irgendwelche Algorithmen verwenden, von denen Sie nichts wissen. Lightroom verdreht bereits einige Parameter, obwohl es angeblich ein »Industriestandard« ist. Wie weit Sie damit ausserhalb einer Normlichtquelle kommen, habe ich oben dargelegt.

Ohne konstante Variablen (Normlicht) spielt es also kaum eine Rolle, ob die Farben 100% exakt wiedergegeben werden. Da ist viel heisse Luft und mystischer Schwurbel in dem Thema Farbmanagement ausserhalb hochwertiger Drucktechnik.

Und nun? Steht das nicht im Widerspruch zu dem vorherigen Beitrag? Nein, nicht zwangsläufig. Sie können davon ausgehen, dass die meisten Kameras mit vernünftigen Profilen geliefert werden. Die Schwachstelle ist der RAW Konverter, wo bereits die Kamera- oder Softwarehersteller tief eingreifen, ohne das zu dokumentieren. Wenn Sie mit den Farben Ihrer Kamera-Konverter-Kombination nicht zufrieden sind, probieren Sie einfach mal RawPhotoProcessor, DarkTable oder Rawtherapie aus. RPP gibt es nur für OS X, die anderen beiden für Linux, OS X und Windows. Generell gilt: Die Konverter abseits des Mainstreams erfordern immer eine gewisse Einarbeitungszeit, aber statt »Klicki-Bunti« gibt hier saubere Ergebnisse ohne Überraschungen.

Bringen Sie den Mut auf, ausgetretene, teure und limitierende Pfade zu verlassen und freuen Sie sich auf Ihre Fotos mit natürlichen Farben.


© 2019 by Jens G.R. Benthien

Rollei 35 S, Kodak Portra 160, Präzisa Entfernungsmesser, Standardentwicklung C41, Scan @4.000 ppi @16/48 bit, kein Stativ, Ausschnitt


Wenn man hier einen Weisspunkt abgreifen will, geht das in die Hose, weil es kein reines Weiss im Foto gibt. In diesem Fall habe ich den Weiss- respektive Schwarzpunkt direkt aus einem blanken Stück Negativfilm mit der Orangemaskierung vor dem Scan in der Scanvorstufe ermittelt. Sehen Sie sich als Kontrastprogramm zu der Aufnahme mal den Katalog eines Pflanzenhändlers an, dann wissen Sie, wie sehr Sie mit »technischen Farben« belogen und betrogen werden.

Sie wollen mir sagen, dass dieser Ansatz falsch ist? Dann schreiben Sie mir hier.


2019-10-07


Yester.Year.


Mal wieder ein s/w. Film oder Digital ist egal, die Wirkung ist super. Mir fehlt leider eine Dunkelkammer und ein orthochromatischer Film für diese Sachen.


© 2019 by Jens G.R. Benthien

Der alte Solitär


Eine Aufnahme bei recht grauem Wetter mit trüben Herbstfarben — das musste nicht sein. Also s/w, mit einer Vignette und Tonung ansehnlich gemacht.


2019-10-07


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